09.04.1865 - Appomattox Court House

 

Über die Kapitulation von Robert E. Lee und dem was von seiner Nord-Virginia-Armee übrig geblieben war, wurde wahrlich schon viel geschrieben. Ich möchte das Thema aber dennoch erneut aufgreifen, weil es unbedingt in den chronologischen historischen Ablauf gehört. Ähnlich wie im vorigen Beitrag möchte ich aber auch hier weitgehend die Akteure selbst zu Wort kommen lassen.

 

General Lee hatte erkannt, dass seine Einheiten von zahlenmäßig stark überlegenen gegnerischen Kräften umstellt waren und dass jeder weitere Widerstand oder Durchbruchsversuch nur unnötiges Blutvergießen bedeuten würde. Deshalb brach er die ganze Aktion schließlich ab. Die meisten seiner führenden Offiziere waren derselben Meinung. Also sandte Lee eine Nachricht an Grant mit der Bitte um eine Unterredung (siehe vorigen Beitrag).

Der Oberkommandierende der Union reagierte im Angesicht des totalen Triumphes erstaunlich großzügig. Wie ein echter Gentleman bot er dem "zu Kreuze kriechenden" Lee an, Ort und Zeitpunkt des Treffens selbst zu wählen. Lee sandte zwei Adjutanten dafür in die kleine Siedlung Appomattox Court House. Das Gerichtsgebäude, das dem Ort seinen Namen gab, war geschlossen, da es Palmsonntag war. Aber sie trafen den Farmer Wilmer McLean auf der Straße, der sich bereit erklärte, sein Wohnzimmer zur Verfügung zu stellen.

General Lee kleidete sich in der letzten sauberen Uniform, geputzten Stiefeln und blanker Degenscheide. Er soll gesagt haben, dass er wenigens ordentlich auftreten wolle, wenn er schon in Gefangenschaft ging. Natürlich ritt er seinen treuen Schimmel "Traveller". Alles in allem machte er die Erscheinung eines stolzen Ehrenmannes, wäre da nicht der traurige Blick in seinen Augen gewesen. Die anwesenden US-Soldaten entlang der Straße schwiegen, als er langsam zum Haus ritt, abstieg und hineinging.

 

General Robert E. Lee, CSA, Oberkommandierender, in Paradeuniform / LtGen Ulysses S. Grant, USA, Oberkommandierender, in Felduniform

Grant dagegen kam direkt von der Front und hatte sich nicht die Zeit genommen, sich herzurichten. Seine Uniform und seine Stiefel waren von den letzten Stunden im Sattel mit Dreck bespritzt. Seine einzigartigen Rangabzeichen (3 Sterne) waren mit wenigen Nadelstichen an den einfachen Armeemantel geheftet worden. Dunkelblaue und unsaubere Uniform, schwarzer Hut, dunkler Bart und braunes Pferd waren der völlig gegenteilige Anblick zu Lee.

Beide Männer hatten sich seit dem Mexikokrieg nicht mehr gesehen. Lee war damals Captain und Pionier von General Scott, Grant ein Lieutenant der Artillerie. Nach einigen Minuten der Erinnerung an alte Zeiten brachte Lee schließlich das Gespräch auf den Grund ihres Treffens. Was nun geschah, spricht von außerordentlicher menschlicher Größe beider Männer.

 

Da war Grant, einen 43-jähriger Soldat aus einfachen Verhältnissen mit mittlerem Bildungsstand, der vier Jahre lang nur ein Ziel hatte: die konföderierten Rebellen zu besiegen. Dennoch zeigte er in der Stunde des großen Sieges keine Spur von Überlegenheit oder gar Rache gegenüber dem Besiegten. Er befolgte genau die ihm von Lincoln aufgetragene Güte und ging noch darüber hinaus.

Und da war Lee, 58 Jahre alt, von hoher Erziehung und Bildung, und der anerkannt beste Offizier der letzten vier Jahre, der den Mut hatte, sich persönlich dem Sieger zu stellen und von ihm dessen Bedingungen oder gar die Gefangennahme zu akzeptieren. Und dennoch dachte er vor allem an die Männer, die auf seinen Befehl hören.

 

Grant gab folgende Kapitulationsbedingungen zu Protokoll:

In Übereinstimmung mit der Aussage meines Briefes an Sie vom 8. des Monats, sehe ich vor, die Kapitulation der Armee von N. Va. unter den folgenden hier genannten Bedingungen entgegen zu nehmen: Die Musterungslisten aller Offiziere und Mannschaften sind zu kopieren. Die eine Ausfertigung ist einem von mir  bestimmten Offizier auszuhändigen, die andere verbleibt bei einem Offizier Ihrer Wahl. Die Offiziere legen ihr individuelles Ehrenwort ab, keine Waffen gegen die Regierung der Vereinigten Staaten zu erheben, bis sie ordentlich ausgetauscht worden sind, und jeder Kompanie- oder Regiments-Kommandeur unterzeichnet ein ebensolches Ehrenwort für die Männer seiner Einheit. Waffen, Artillerie und öffentliches Eigentum werden gesammelt und einem von mir benannten Offizier übergeben. Dies umfasst nicht die Seitenwaffen der Offiziere, und auch nicht ihre privaten Pferde und ihr Gepäck. Hiernach hat jeder Offizier und jeder Soldat die Erlaubnis, in seine Heimat zurückzukehren, ohne von Offiziellen der Vereinigten Staaten daran gehindert zu werden, solange er sein Ehrenwort und die geltenden Gesetze seiner jeweiligen Heimat befolgt.

(Mit "Seitenwaffen" waren Handwaffen der Offiziere gemeint, also ihre Degen, aber auch Pistolen und Messer. Auf die Übergabe der Degen als Zeichen der Unterwerfung wurde bewusst verzichtet.)

Auf Lee's Bitte durften auch die einfachen Soldaten ihre eigenen Pferde und Maultiere mitnehmen, um diese bei der anstehenden Bestellung der heimischen Felder einsetzen zu können.

Eine der zahlreichen Bildern und Zeichnungen, die nachträglich von diesem Ereignis angefertigt wurden. Dieses Bild scheint eine in zahlreichen Details korrekte Wiedergabe zu sein.

Grant wusste zudem, dass Lee's Männer seit vielen Tagen nichts mehr zu Essen bekommen hatten. Er fragte Lee, wieviele Männer noch bei ihm seien. Lee antwortete, er wisse es nicht genau, aber es müssten so etwa 20.000 sein. Grant ordnete daraufhin sofort an, dass 20.000 Zweitagesrationen aus US-Beständen übergeben werden.

Als sich Lee vor dem Haus von Grant verabschiedet hatte, brachen wartende US-Soldaten in lauten Jubel aus. Grant brachte sie zum Schweigen mit der Anweisung:

Die Konföderierten sind jetzt wieder unsere Landsleute. Und wir wollen uns nicht über ihre Niederlage ergötzen.

(Die Ankunft und der Abritt der beiden Generäle vor dem Haus von Wilmer McLean in Appomattox Court House wurde in der TV-Serie "Fackeln im Sturm" bis in das letzte Detail originalgetreu nachgestellt. Selbst der Abschiedsgruß von Grant an den abreitenden Lee durch Heben des Hutes ist aus Augenzeugen­berichten überliefert. Die einzige Ausnahme ist die für die Filmhandlung notwendige Anwesenheit des fiktiven BrigGen Hazard.)

 

Lee ritt zu seinem Hauptquartier zurück, wo ihn seine Leute fragend ansahen. Bedrückt ritt er langsam durch die Reihen, Arme streckten sich empor um ihn ein letztes Mal zu grüßen oder wenigens sein Pferd zu berühren. Tränen liefen ihm über das Gesicht, als er nur sagte: "Männer, ich habe das Beste für Euch erreicht, was möglich war," und verschwand in seinem Zelt.

Einen Tag später verabschiedete sich General Lee mit folgenden Worten, die in allen Kompanien der Nord-Virginia-Armee verlesen wurden:

Hauptquartier, Armee von Nord-Virginia, 10. April 1865.

Generalbefehl No. 9

Nach vier Jahren treuen Dienstes, gekennzeichnet von unerreichtem Mut und Zuversicht, war die Armee von Nord-Virginia gezwungen, sich den überwältigenden Zahlen und materiellen Ausrüstungen zu beugen. Ich brauche den Überlebenden so vieler hart erkämpfter Schlachten, die bis zuletzt standhaft geblieben sind, nicht zu sagen, dass ich auf dieses Ergebnis nicht aus Mangel an Vertrauen in sie eingegangen bin. Jedoch in der Gewissheit, dass Mut und Hingabe alleine nicht genügen, um etwas zu erreichen, das die Verluste bei Fortsetzung des Konfliktes rechtfertigt, habe ich beschlossen, sinnloses Blutvergießen für jene zu vermeiden, die ihrer vergangenen Dienste wegen von ihren Landsleuten hoch geschätzt werden. Nach den Bedingungen der Vereinbarungen können Offiziere und Männer in ihre jeweilige Heimat zurückkehren bis sie ausgetauscht werden. Sie werden die Befriedigung mit sich nehmen, die aus dem Bewusstsein treuen Dienstes erwächst, und ich bete mit Ernsthaftigkeit, dass Sie der gütige Gott mit seinem Segen und Schutz umfassen möge. Mit unendlicher Bewunderung für Ihre Standhaftigkeit und Hingabe für Ihr Land, und in dankbarer Erinnerung an Ihre freundliche und zuvorkommende Haltung meiner Person gegenüber, entbiete ich Ihnen meinen tief empfundenen Abschiedsgruß.

R. E. Lee, General, Generalbefehl No. 9

(Die heutzutage etwas "geschraubt" wirkende Ausdrucksweise waren damals durchaus üblich. Ich habe sie so passend wie möglich übersetzt.)

 

Am 12. April dann fand die offizielle Kapitulations-Zeremonie statt. Die beiden kommandierenden Generäle waren nicht mehr vor Ort und hatten Vertreter bestellt, um die offizielle Niederlegung der Waffen abzuhalten. Für die Union war dies der junge MajGen Joshua Chamberlain, ein Rhetorik-Dozent aus Maine, dessen Bericht in entsprechend ergreifender Wortwahl überliefert ist. In dieser mehrere Stunden dauernden Zeremonie zogen alle noch vorhandenen konföderierten Einheiten an der US-Abordnung vorüber.

Während die Soldaten ihre Gewehre und die aufgerollten Regimentsfahnen auf große Haufen legten, traten die Offiziere vor und salutierten. Als der höchste konföderierte Offizier, MajGen John B. Gordon, seinen soldatischen Gruß vollführte, befahl Chamberlain spontan, auch auf Seiten der Sieger dieselbe Höflichkeit zu zeigen, und ließ seine Männer Haltung annehmen. Jubel und Zwischenrufe hatte er schon vorab untersagt, und so standen sich Sieger und Besiegte mehrere Minuten lang still und ehrfurchtsvoll gegenüber.

 

MajGen John B. Gordon, CSA / BrigGen Joshua Lawrence Chamberlain, USA

 

In Virginia war der Krieg hiermit faktisch vorüber. Der konföderierte Präsident Davis befand sich mit seinen Ministern auf der Flucht in den Süden und wurde in Louisiana geschnappt. General Johnston hatte seine letzte Schlacht gegen Sherman in North Carolina bereits hinter sich und wird nach einiger Zeit der Überlegung in wenigen Tagen ebenfalls kapitulieren. Die beiden großen konföderierten Armeen waren daraufhin aufgelöst, die kleinen, über das restliche Gebiet verteilten Einheiten folgten in den nächsten Wochen, sämtlich kampflos. Die siegreichen US-Armeen von Grant und Sherman wurden nach Washington gerufen, wo sie vor Präsident Johnson eine zweitägige große Parade abhielten und anschließend Stück für Stück abgemustert wurden.